Tagebuch aus Arco

Bild des Benutzers Gernot Schobert

In Schottens norditalienischer Partnerstadt herrscht derzeit Ruhe – zumindest von Montag bis Donnerstag. Was tun die Verantwortlichen in einem Ort, in dem der Fremdenverkehr eine große Rolle spielt? Sie schaffen zusätzliche Attraktionen. In Arco ist das seit vielen Jahren unter anderem der Weihnachtsmarkt. Der sorgt diesmal vom 21. November bis 5. Januar freitags, samstags und sonntags für Besucherströme, ganz besonders natürlich am Sonntag.


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- Aber der Reihe nach

Donnerstagabend Ankunft in der Partnerstadt. Schon von weitem ist die mit Lichterketten erhellte Burg zu sehen. In der Innenstadt hängen unzählige Lichterketten an den Häusern, in der Einkaufsstraße, der Via Segantini, liegt ein großer roter Teppich. Einige Läden sind geschlossen: Winterpause, Aufgabe wegen Erfolglosigkeit, oder ein Pächterwechsel steht bevor. In hell erleuchteten Schaufenstern wird die Ware angepriesen, zum Teil mit viel Rabatt (vor Weihnachten!). Die Eisdielen sind zu, auch die Cantina Marchetti, ein schönes Lokal mit herrlichen Freisitz im Innenhof, ist geschlossen. Hier ist der Pachtvertrag ausgelaufen, der Pächter macht nicht weiter, er hat in einem anderen Ort ein Café eröffnet. Weiter geht es mit dem „Caffee Trentino“ auf dem Platz 4. November. Hier endete der Pachtvertrag zwischen Carlo Donegani und der Stadt Arco Ende des Jahres, er wurde verlängert – für 67000 Euro im Jahr. Ein in dieser Lage durchaus üblicher Pachtzins, wird mir versichert.
Gastronomisch ist an diesem Donnerstagabend in der Innenstadt nicht viel los. Lorena und Marco in der Spaghetteria Moderna langweilen sich. Jetzt um 20 Uhr haben sie gerade mal zwei Kunden, die bei ihnen eine Pizza essen. Mich wundert es, dass sie in diesem Jahr nicht geschlossen haben, denn sonst war in dem Lokal zwischen November und Februar Winterpause. Der Wettbewerb ist schärfer geworden, in der Nachbarschaft befinden sich einige gut gehende Restaurants. Das dürfte wohl mit dazu beigetragen haben, dass das Ehepaar diesmal „durchmacht“. Eine Pizza Diavola, ein halber Liter Wein, ein halber Liter Wasser, die Rechnung beträgt 15 Euro. Ein paar Meter weiter treffen die ersten Nachtschwärmer im „Gatto Nero“ ein. Das Abendlokal hat von 20 bis 02 Uhr geöffnet. Ich muss mich erst an den neuen Pächter gewöhnen, der mir einen Hugo mixt (3,50 Euro). Sein Vorgänger Antonio Mazzodli, dem ich ich gerne bei der Herstellung von Cocktails zugeschaut habe, lebt nicht mehr. Noch Anfang September war er da, am 23. September hat ihn der Krebs besiegt.

Freitagmorgen. Leichter Nieselregen macht meinen Plan einer Radtour an den See zunichte. Also geht es in den Circolo Pensionati, ein Lokal in der sich die Rentner (Clubmitglieder) treffen, Kaffee oder Wein trinken, Karten oder Billard spielen oder sich nur unterhalten. Hier trifft man immer Bekannte.
Am Mittag hat der Regen aufgehört. Der Radweg am Sarca-Fluss entlang ist verwaist. Ein paar Walker, Jogger oder Radfahrer sind heute unterwegs. Es ist ruhig, ich fahre ganz entspannt, muss nicht befürchten, dass urplötzlich eine Horde Montainbiker herbei pirscht und mich überholt. Der neue Lidl-Markt zwischen Torbole und Riva sieht verwaist aus. Im  Sommer ist es hier fast unmöglich einen Parkplatz zu finden, die Schlangen an den vier oder fünf Kassen sind lang. Doch heute ist nur eine geöffnet. Der Kassierer langweilt sich bei gerade mal einer handvoll Kunden. Auch auf der Landstraße zwischen Riva und Torbole, auf der sich im Sommer Auto an Auto im Schneckentempo bewegt, ist wenig Verkehr. Und als wollte der See die Ruhe unterstreichen: Die Wasseroberfläche glänzt ruhig im Sonnenlicht, nicht zu merken von den Wellen, die sonst viele Windsurfer an den Gardasee locken.
Auf der Rückfahrt kurzer Halt bei Franco Viola. Er war in den 1974, als ich die ersten Kontakte zu Arco aufnahm Stadtrat und war in dieser Funktion auch in Schotten. Sein Gastgeber war damals Willi Müller, Hausmeister an der Grundschule und Vorsitzender der DRK-Bergwacht. Franco hatte eine Vespa-Vertretung. Fast jedes Moped und jedes „Dreirad“, das damals in Arco fuhr, kam aus seiner Firma. Er hat sich schon lange zur Ruhe gesetzt, ist jedoch täglich in seinem kleinen Büro aktiv. Hier laufen die Fäden für das jährliche Fußballturnier Beppe Viola zusammen. Da müssen Mannschaften eingeladen, Quartiere besorgt und die Finanzierung gesichert werden. „Die Zuschüsse werden in der Zeit unserer Krise auch immer weniger“, klagt er, lässt sich jedoch nicht unterkriegen. In nächsten Jahr spielen 16 Mannschaften der unter 16-Jährigen vom 12. bis 17. März, darunter eine Elf aus Dänemark. 64 Mannschaften von „Pulcchini“ (um zehn Jahre alt) wetteifern vom 8. Februar bis 15. März um den Sieg. Auch zehn Frauen-Mannschaften sind im nächsten Jahr wieder dabei. Im Gespräch über große und kleine Politik erfahre ich auch, dass im Trentiner Gardasee-Gebiet derzeit pro Gast pro Bett und Tag eine Kurtaxe von 0,70 Euro erhoben wird. Im kommenden Jahr soll diese auf 1,70 erhöht werden. Mit diesem Geld werden die Aktivitäten der Fremdenverkehrsorganisationen finanziell unterstützt. 
Mittlerweile sind in Arco sie 34 Weihnachtsbuden um die Kirche herum geöffnet. Der Besuch hält sich an diesem Freitagnachmittag in Grenzen. Das Angebot, überwiegend Handgemachtes, findet noch kaum Käufer. Es gibt Glühwein und andere warme Getränke, süßes Gebäck, Käse, Schinken, Wurst, Brot, geröstete Maronen und viel Handarbeit. Da unterscheidet sich dieser Markt kaum von einem in Deutschland. Nur die Preise erscheinen mir etwas höher. Ein Glas Glühwein (die Hälfe Inhalt wie bei uns) kostet 2 Euro, die kleine Portion geröstete Maronen 3,50 Euro. Das Kilo ungeröstete Esskastanien wird für 9,80, das Kilo Walnüsse für 5 Euro angeboten.
Abschluss an diesem Freitagabend für mich ist das gemeinsame Abendessen der Mitglieder des Verschwisterungsvereins „Arco obiettovo Europa“. 120 Leute sind dazu in den „Cantinota“ im Stadtteil Linfano gekommen. „Wir sind am Ende der Platzkapazität“, sagt Vorsitzender Lino Rosa. Nach einer kurzen Begrüßung und einem Grußwort der für Verschwisterung zuständigen Stadträtin Marialuisa Tavernini wird das Menü serviert, dazu gibt es Wein, Wasser. Espresso und zum Abschluss Grappa. Zwischendurch werde das Geld für den Essen (20 Euro) und der Beitrag für den Verein (10 Euro kassiert). So gegen 23 Uhr löst sich die Gesellschaft auf.

Samstag: Heute herrscht mehr Leben zwischen den Buden in der Innenstadt. Parkplätze sind Mangelware, besonders für Wohnmobile. „Du weist mehr als wir“, sagen meine Freunde oft, denn ich gehe mit offenen Augen durch die Partnerstadt, dabei fällt mit viele auf. So auch die Veränderung in einem Haus in der Nähe des Schottener Platzes. Dort befand sich zuvor ein Geschäft mit Geschenkartikeln, das heuer leer stand, jetzt waren dort Handwerker tätig. Also nichts wie hin, und da entdeckte ich den handgeschriebenen Zettel mit dem Hinweis auf die Eröffnung heute Abend um 18 Uhr mit Musik. Vor dem Laden wurden aus einem Kleintransporter Musikinstrumente ausgeladen. Ich betrat das Lokal „A le Arti die Artmenisa“, eine Mischung aus Bar, Bistro, Kleinkunstbühne und Laden für Naturprodukte. Muriel Renson, Loretta Brindarlli, Pattrizia Bernazzani und Daniele Alibrandi haben sich hier eine neue Existenz aufgebaut. Noch wurde jetzt gegen 16 Uhr gewerkelt. Später am Abend  war das Lokal gefüllt. Als ich gegen 23 Uhr kam, waren nur noch die Inhaber und die Musiker da – und Alberto Berti aus Deutschland. Er war mit einer Schottenerin veheiratet, erzählte er mir. Die Vorfahren seiner Ex-Frau Elisabeth Schneider heißen Wilhelm und Erna. Sie lebten zuletzt in Frankfurt, ihre Wurzeln sind jedoch in Schotten. Dort war Elisabeths Opa als Schäfer tätig. Alberto fuhr am nächsten Tag nach Deutschland zurück, um dort seinen Wohnsitz aufzugeben und in das Gresta-Tal bei Arco zu ziehen. Dort wird er sich als Berater für Gesundheit und Lebensmittel niederlassen. In dem neuen „A“ in Arco möchte er später einmal Seminare und Beratungen anbieten. „Bei uns ist alles ölkologisch“, sagt Daniele Alibrandi und verweist dabei unter anderem auch die nach dem Reinheitsgesetz gebrauten Biere. Die Snacks stammen aus biologischem Anbau, und auch die Kosmetik-Artikel sind Bio. Zudem gibt dort Naturstoffe. 
Zuvor war ich mit den Freunden der Alpini und der NuVoloA im Ledrotal, wo eine Gedenkfeier zu Ehren der verstorbenen Alpini stattfand – mit Messe und anschließendem Imbiss und Umtrunk.
Los ging es dazu von der Unterkunft der NuVolA (Katastrophenschutz), die jetzt fast fertig ist. Die letzten Wände wurden erstellt, die sanitären Einrichtungen installiert, jetzt fehlen nur noch die Küchenausstattung und die Büromöbel für den Chef, Mario Gatto. Dieser möchte seinen Bereich, der sich im Untergeschoss des vor einem Jahr eingeweihten Feuerwehrstützpunktes befindet, im Frühjahr groß einweihen und hofft dazu auch auf Besuche der Freunde aus Oberhessen. Mit diesen war am 3. Oktober in Schotten-Betzenrod ein Freundschaftsvertrag besiegelt worden.

Am Sonntag war in den Straßen von Arco kaum ein Durchkommen. Am Montag stand in der Zeitung, dass 60 Reisebusse mit Marktbesuchern gekommen waren. Marktbeschicker und Geschäftsinhaber konnten zufrieden sein.
Für mich ging es am Sonntagmorgen nach Cavedine-Stravino zur Feier Madonna di Loreto, der Schutzheiligen der Associazione Arma Aeronautica (Luftwaffen-Reservisten), die mit einem Gottesdienst begann. Beeindruckend war die anschließende Kranzniederlegung am Ehrenmal, das ist  die Kirchtumspitze. Mit Hilfe einer Seilkonstruktion wurde dort zunächst die italienische Flagge aufgezogen, dann wurde dort der Kranz hochgehievt und befestigt.
Ziemlich einmalig ein solches Ehrenmal. Während des Zweiten Weltkrieges wurden überall in Italien die Glocken abgehängt, eingeschmolzen und zu Kanonen gegossen. Das sollte so auch in Stravino geschehen. Doch dort wendeten die Verantwortlichen eine List an. Sie erklärten die Glocken zum Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs und brachten auf dieser deren Namen an. An einem Ehrenmal wollte sich die Regierung Mussolini nicht vergreifen, die Glocke durfte bleiben – und sei haben die Leute von Stravino bis heute diese Besonderheit.
Weiter ging es von diesem Örtchen nach Riva ins Hotel Liberty, wo herrliches Menü serviert wurde.
Danach eintauchen in den Weihnachtsmarkt von Arco, ins Geschiebe von Stand zu Stand. Schnell noch einen Imbiss im überfüllten chinesischen Restaurant, in dem diesmal Warten angesagt war. Dann ging es zum Höhepunkt des Weihnachtsmarktes an diesem Sonntag: Tausende standen in den Straßen und starrten gebannt zum Himmel über der Burg. Dort wurde ein fast halbstündiges Feuerwerk gezündet. Mit dem letzten Knall des Spektakels leert sich die Stadt, die Gäste liefen zu ihren Autos oder Wohnmobilen. Montag war Feiertag, folgedessen gab es einen zusätzlichen Markttag – wieder mit sehr vielen Besuchern, die dafür sorgten, dass auch im trostlosen Winter in unserer Partnerstadt immer was los ist.
Nach dem Weihnachtsmarkt geht es mit dem Carneval und dem Beppe-Viola-Fußballturnier weiter. Ostern beginnt wieder die Saison am Gardasee, wenn dort alles blüht und grünt und unsere Partnerstadt wieder im schönsten Licht erscheint.

Gernot Schobert